Urteilsbegründung 2019

Unser diesjähriger Siegertitel ist ein ganz schön dicker Wälzer. Was aber auch kein Wunder ist. Es wohnen gleich zwei Geschichten in ihm. Einerseits wird die Geschichte von Leo und Imke erzählt, die ihren Urlaub mit ihren Familien in einem alten, geerbten Haus mitten im Wald verbringen. Andererseits erfährt man aus alten Tagebucheinträgen von Lene und Ari, die früher in diesem Haus gelebt haben. Vergangenheit und Gegenwart sind wunderbar miteinander verwoben.

Leo und Imke sind sehr unterschiedlich und es dauert eine ganze Weile, bis sich aus der „Zwangsgemeinschaft“ eine wunderbare Freundschaft entwickelt. Mit dem Tagebuch, dass sie auf dem Dachboden finden, lüften sie das Geheimnis des alten Hauses und seiner früheren Bewohner.
Neben den beiden parallelen Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, versteht es die Autorin meisterhaft, detaillierteste Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Man taucht in beide Welten vollständig ein und fiebert mit den Kindern mit. Wenn die Tagebucheinträge durch die Zeit unleserlich geworden sind, kann man es kaum erwarten, bis Leo und Imke endlich wieder neue leserliche Seiten gefunden haben.

Der Erzählstil verbindet fast schwerelos das fantasievolle und abenteuerlustige Heute mit der manchmal düsteren Vergangenheit. Diese wird durch die alten Tagebucheinträge wunderbar verdeutlicht. Die Übergänge zwischen den Zeiten sind fließend. Beide „Geschichten“ entwickeln durch die lebendige Sprache ihren ganz eigenen Zauber. Und da es beim URMEL-Preis nicht nur um die Geschichte geht, können wir auch gleich von den Illustrationen schwärmen. Was für eine Detailflut! Wahrscheinlich hat die Illustratorin auch vom ersten Moment an in der Geschichte gelebt. Wunderbare verschlungene Waldlandschaften entstanden und über die Seiten ziehen sich Zweige und Blätter der Bäume, die auch immer mal in die Zimmer des „Blaubeerhauses“ hineinwachsen. Obwohl die Zeichnungen schwarz-weiß sind, sprühen sie vor Lebendigkeit. Sie spiegeln die jeweiligen Zeiten und die Gefühle der Protogonisten in allen Facetten der Farbpallette wieder. Sie verschmelzen mit dem Text und unterstreichen das Geheimnisvolle und Märchenhafte der Geschichte.

Dadurch, dass auf Farben verzichtet wurde, kann sich der Leser selbst ausmalen, wie schillernd die Feen sind oder wie rot die Beeren im Himbeerlabyrinth leuchten. Das gesamte Buch ist darauf ausgelegt, die Fantasie des Lesers anzukurbeln und selbst Abenteuer zu erleben. Trotzdem wird die Ernsthaftigkeit der Zeit, in der sich Lene und Ari bewegen, nie aus den Augen verloren und durch die Illustrationen verdeutlicht. Die Gestaltung der Tagebucheinträge als alte vergilbte Blätter, zum Teil eingerissen oder an den Ecken geschwärzt, verraten, wessen Geschichte gerade erzählt wird.
Das Buch hat uns Jurymitglieder total in seinen Bann gezogen. Wir haben gelacht, geweint und um die Familienmitglieder gebangt. Ob es am Ende gut ausgeht? Wir wollen nicht zu viel verraten.
Lasst euch verzaubern von diesem Buch. Nehmt ein bisschen unbeschwerte Bullerbü-Kindheit und Abenteuerlust, vermischt sie mit wahren Geschichten, die manchmal auch ganz schön traurig sind, aber vor allem: genießt das diesjährige URMEL-Siegerbuch „Das Blaubeerhaus“ mit allen Sinnen! Es lohnt sich!